Über Psychotherapie hinaus
Leseprobe aus "über Psychotherapie hinaus" von Jayin Thomas Gehrmann
Geleitwort von Bert Hellinger
Einleitung: „Die Hellinger-Szene driftet auseinander“
Kapitel 1: Hellinger war von Anfang an umstritten
Kapitel 2: Systemisch – vor und nach Hellinger
Kapitel 3: Der Grabenbruch in der Aufstellerszene
Kapitel 4: Die Kontroverse um die „Bewegungen des Geistes“
Kapitel 5: Entwicklung in unterschiedliche Richtungen
Kapitel 6: Professionalisierung der Aufstellungsarbeit
Kapitel 7: Über Therapie hinaus
Literatur
Zum Geleit.
Von Anfang an habe ich dieses
Buch begleitet, und es hat mich in vielerlei Hinsicht geleitet.
Beeindruckt hat mich die Sorgfalt, mit der Jayin Thomas Gehrmann vorgegangen
ist, wissenschaftlich im besten Sinne dieses Wortes.
Es hat auch mich zur Vorsicht gemahnt, wenn ich merkte, dass ich mit einer Bemerkung über die mir gesetzten Grenzen ging und damit der Rücksicht, die zusammenführt, eher einen Stein in den Weg legte, als ihn zurückzuhalten und wegzunehmen.
Es ist diese Fairness und Klarheit, die ich an diesem Buch vor allem bewundere. Es geht den Kontroversen auf den Grund und überwindet sie zugleich. Darin sehe ich seinen besonderen Beitrag zur Weiterentwicklung des Familien-Stellens.
Wer also das Familien-Stellen und seine Hintergründe eingehender verstehen will, findet hier, was er sich schon lange gewünscht und gesucht hat. Zugleich ist es ein spannendes Buch. Manchmal liest es sich fast wie ein Krimi.
Ich danke Jayin Thomas Gehrmann, dass er diese Arbeit so zielstrebig verfolgte, und ich unterstütze sie im Sinne des Zusammenführens von vielem, was für eine Zeit getrennt erschien, obwohl es den gleichen Zielen dient. Über dieses Trennende rollen die Zeit und die Entwicklung eh schon lange hinweg. Dieses Trennende zu überwinden,dazu trägt dieses Buch in vieler Hinsicht Wesentliches bei.
Bert Hellinger
„Die Hellinger-Szene driftet auseinander“.
„Die Hellinger-Szene driftet auseinander“, meldet Michael Utsch im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.1 Er benennt dort auch die beiden Richtungen, in welche die Szene sich auseinander bewegt: Professionalisierung auf der einen Seite und Spiritualisierung auf der anderen.
Es musste wohl erst einer kommen, der selbst nicht zu dieser Szene gehört, um diese Tatsache der Spaltung auszusprechen und zu beschreiben. In der Szene selbst wird dieser Umstand selten so klar ausgesprochen. Ja, er ist anscheinend vielen Aufstellern noch gar nicht bewusst, obwohl es seit Jahren immer wieder deutliche Anzeichen dafür gibt. Spätestens seit Bert Hellinger sich 2007 dem Kölner Aufstellerkongress verweigerte, kann jeder sehen, dass etwas im Busch ist.
Was ist da los? Um das zu verstehen, ist es nicht nötig, Interna auszuplaudern. Ich gehöre auch zu keiner gut informierten Insider-Gruppe – falls es so etwas überhaupt gibt. Was es schon seit Jahren immer wieder gibt, sind deutliche Hinweise. Jeder könnte sie sammeln, zusammenfügen und sich einen Reim darauf machen. Und genau das habe ich getan.
In diesem Buch ordne ich das Material, füge es zu einem umfassenden Bilde und versuche auszuloten, was diese Teilung des Stroms der Aufstellungsarbeit nach Hellinger begründet.
1 Utsch 2007
Wirkt Familienstellen durch Verstehen?
Es gibt einige wissenschaftliche
Untersuchungen darüber, ob Familienstellen hilft. Tatsächlich, es
hilft. Aber auf welche Weise kommt diese Wirkung eigentlich zustande?
Es gibt zwar ein Buch Wie hilft Familienstellen?,
aber die Frage taucht nur auf dem Umschlag auf. Sie wird nicht wirklich
thematisiert, nicht in diesem Buch und ich wüsste auch nicht, wo sonst.
Dabei ist nicht nur die Wirkung, sondern schon die Wirkungsebene ähnlich rätselhaft wie das Stellvertreterphänomen. Verschiedene Aufsteller scheinen verschiedene Wirkkräfte und Mechanismen anzunehmen oder zu vermuten. Ich sehe drei unterschiedliche Ansätze, die sich unter den Stichworten a) kognitives Verstehen, b) Bilder und c) Vollzüge zusammenfassen lassen. Diese drei Ebenen sind unterschiedlich greifbar. Es erstaunt also nicht, dass auch sie eine Unterscheidung von „Professionalität“ und Spiritualität markieren.
Manche Therapeuten unter den Aufstellern halten es für maßgeblich wichtig, dass der Klient die Aufstellung bewusst versteht und annimmt. So habe ich schon Wilfried Nelles zitiert, der Bedenken vorträgt, dass bei den Bewegungen des Geistes vielleicht „der Klient keine Verbindung zwischen dem Geschen in der Aufstellung und seinen Problemen sehen kann.“ Damit der Klient auch nichts übersieht, geben manche Aufsteller ausführliche Erklärungen ab.
Manche Leiter lassen bereits in der Aufstellung die Stellvertreter lange Geschichten vortragen, vermeintlich als „Sätze der Kraft“. Doch diese Sätze wirken bei Hellinger (und vielen anderen Aufstellern) dadurch, dass sie als kurze Formel etwas aussprechen, was auszusprechen einfach fällig ist. Etwas, das notwendig ist für den nächsten, fälligen Schritt. Ob die langen Ausführungen auch gehaltvoller, kraftvoller sind, kann jeder schon beim Lesen selbst spüren.
So berichtet Robert Langlotz aus einer Aufstellung: „Der Leiter schlägt ihr [der Klientin] folgende Sätze vor, die ihr stimmig erscheinen und die sie nachspricht: »Du hast mich missbraucht, das hättest du nicht tun dürfen. Das darf ich dir nicht verzeihen. Du bist ein Schwein. Ich hasse dich, ich habe dir den Tod gewünscht und ich stehe dazu.«“ Ist das etwa kraftvoller als zu sagen: „Ich will, dass du stirbst!“? Falls das überhaupt zutrifft…
Was bei Hellinger einfach „Ich hier – du dort“ hieße, klingt bei Langlotz (in der gleichen Aufstellung) so: „Du bist du, ich bin ich, du hast dein Schicksal, ich habe meines. Du gehst deinen Weg, ich gehen meinen und ich will mit dir [dem Vater] nichts mehr zu tun haben.“
Bei solch einem Wortschwall hat der Klient (bzw. der Stellvertreter) kaum eine Chance zu empfinden, was er da nachspricht. Der Verstand des Klienten ist damit gut bedient, doppelt sogar, erstens weil er was zum Denken hat, zweitens weil die prüfende Empfindung durch diesen Wortschwall benebelt und ihr möglicher Einwand ausgehebelt wird. Der Verstand ist normalerweise an einer tieferen Wahrheit nicht interessiert, sondern daran, Recht zu behalten. In der Regel ist der Klient zwiespältig, was Veränderungen betrifft: Einerseits will er sie, andererseits fürchtet er sie. In der Orientierung auf den Verstand treffen sich die Anteile im Klienten, die Veränderung vermeiden möchten, mit den Bedürfnissen der „Professionellen“. Auch jene neigen dazu, die Bedeutung des bewussten Verstehens zu überschätzen.
Thomas Schäfer merkt dazu an: „Macht der Therapeut mehr, wird die Energie zum Arbeiten immer geringer und das Ergebnis für den Klienten ist unbefriedigend. Bietet man dem Klienten zuviel an, weiß er am Ende nicht, was wesentlich für ihn ist. So beschränkt man sich nur auf das, was der Klient für sein Handeln benötigt.“
(...)
Offensichtlich ist es so, dass sich sowohl die Information der Stellvertreter als auch die Wirkung der Aufstellung auf einer geistigen Ebene vollziehen, die wir nicht durchschauen und schon gar nicht kontrollieren können. Das behagt nicht jedem. So meint der notorische Fritz Simon: „Magische Vorstellungen dürften es allerdings auch sein, die unterstellen, dass allein die Tatsache der Aufstellung (…) das Heimatsystem des Klienten direkt verändern würde.“
Dürfte, hätte, würde – das ist doch recht dürftig für einen Wissenschaftler. Simon könnte entsprechende Berichte ja überprüfen, es gibt mehr als genug davon. Er müsste allerdings mit Ergebnissen rechnen, die nicht in sein Weltbild passen.
Das, was die Stellvertreter tun und erleben, hat also einen Effekt, so, wie es ein Handeln der wirklichen Personen hätte, die sie vertreten. Das, was wirkt, wäre demnach der Vollzug, der in der Aufstellung selbst geschieht.
Jene Schlussbilder, Symbole der guten Lösung, wie ich sie oben beschrieben habe, haben auch in Hellingers Arbeit über die Jahre hinweg immer mehr an Bedeutung verloren. Ich weiß nicht, ob er selbst je von Lösungsbildern gesprochen hat. Aber er hat in den letzten Jahren mehrfach klargestellt, dass er nicht lösungs-, sondern bewegungsorientiert arbeitet.
Heute, in seiner neuen Arbeitsweise, beendet er eine Aufstellung in der Regel mit der Frage an Klienten und Stellvertreter: „Ist es gut so?“ oder:„Kann ich es da lassen?“. Für mich heißt das, dass er danach fragt, ob das Nötige geschehen ist. Es ist erledigt. Was gesagt oder getan werden musste, ist in der Aufstellung vollzogen worden.
Oft kommt nach einer Aufstellung die Frage: „Ja, und jetzt? Was soll ich jetzt damit anfangen? Was soll ich tun?“ Die ehrliche Antwort ist meistens: „Nichts. Es ist vorbei.“
