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Totes Kind im Haus

Bericht von Jayin Thomas Gehrmann in Hellinger Siencia 02/07

Das Paar

Vor einiger Zeit kam ein Mann zu mir zu einem Aufstellungsabend. Wir kannten uns schon von früheren Kursen her. Nun hatte er das Anliegen, daß es zwischen ihm und seiner Frau, die ich ebenfalls kannte, „nicht mehr so lief“. Es schien, als sei die Beziehung plötzlich und unerklärlich erkaltet. Es war nichts vorgefallen, sie mochten sich beide noch, aber ein seltsamer Abstand hatte sich zwischen den beiden eingestellt.

Die Aufstellung zeigte ein Bild, das mir eindeutig danach aussah, dass zwischen den beiden ein totes Kind stand, beziehungsweise lag. Ich fragte ihn, ob es eine Fehlgeburt oder eine Abtreibung gegeben habe. Nein, das müsste er wissen, und nichts dergleichen war ihm bekannt. Das Bild schien so klar, aber es gab keine Bestätigung dafür.

Ich war ratlos und fing schon an, an meinen Fähigkeiten als Aufstellungsleiter zu zweifeln. Der Mann hatte einen weiten Weg gemacht, und nun war er gewiss enttäuscht. „Ich weiß ja“, sagte er, wie um mich zu trösten, „dass die Schlussbilder von Aufstellungen oft rätselhaft sind Ich warte einfach mal ab, was passiert.“

Das Haus

Ein paar Monate später hatte ich in einem anderen Aufstellungskurs die Ehefrau als Teilnehmerin. Ihr Anliegen war, dass sie und ihr Mann eine Eigentumswohnung in einer alten Villa bewohnten, die sie nun verkaufen wollten. Aber aus unerfindlichen Gründen schien die Wohnung ganz unverkäuflich zu sein, es fand sich seit Wochen kein ernsthafter Interessent.

In der Aufstellung dazu zeigte sich alsbald wieder ein totes Kind. Es war erwartungsvoll auf die Frau bezogen. Umgekehrt war auch die Frau sehr auf dieses Kind bezogen, ja regelrecht fixiert. Für den Mann hatte die Stellvertreterin der Frau gar keine Aufmerksamkeit übrig.

Dieses tote Kind schien deutlich das Opfer einer Gewalttat zu sein, die vor langer Zeit, vielleicht vor hundert Jahren geschehen war – und zwar in dieser Villa, vermutlich in einem Zimmer, das inzwischen zur Wohnung der Klienten gehörte. Das Kind gehörte gewissermaßen zum Haus oder zu der Wohnung, nicht zur Klientin und ihrem Familiensystem. Aber es erwartete von der Klientin in irgendeiner Weise Erlösung aus seinem geisterhaften Dasein.

Erst nach dieser Aufstellung fiel uns die frühere Aufstellung des Mannes wieder ein, in dem ein rätselhaftes totes Kind die Eheleute von einander getrennt hatte. Auf einmal, im Lichte dieser zweiten Aufstellung, erschien auch die erste klar und sinnvoll. Es handelte sich offenbar damals schon um das tote Kind in der Wohnung.

In den Wochen nach dieser zweiten Aufstellung fanden die beiden Eheleute wieder zueinander, und sie fanden auch einen Käufer für die Wohnung. Das tote Kind, das sich sowohl zwischen die Frau und ihren Mann als auch zwischen die beiden und einen möglichen Käufer der Wohnung geschoben hatte, hatte anscheinend seinen Frieden gefunden und sich zurückgezogen.

Einsichten

Die Aufstellung lehrte mich verschiedenes. Erstens: Traue deinen Wahrnehmungen und denen der Stellvertreter, auch wenn du sie nicht verstehst. Auch wenn sie der Realität, die dem Klienten bewusst und bekannt ist, widerspricht. Ob eine Aufstellung wirkt, hängt nicht davon ab, daß wir sie verstehen. Manche Anliegen brauchen mehrere Anläufe, bis wir zu ihrem Kern vordringen.

Und nicht alles, was sich in einer Aufstellung als der Kern des Anliegens entpuppt, ist auch systemisch. Vor ein paar Jahren hat es sich eingebürgert, statt von Familienstellen oder Familienstellen nach Bert Hellinger von systemischem Familienstellen zu sprechen oder von systemischen Aufstellungen. Wie kam es dazu?

Von systemischem Familienstellen zu sprechen ist eigentlich Unfug. Gewiss sind Familien Systeme, und wenn man Familien aufstellt, dann ist das eine systemische Arbeit. Wozu dann also diese überflüssige Betonung?

Ich vermute, das kommt daher, daß „systemisch“ so schön wissenschaftlich klingt, nach kühler Sachlichkeit, Rationalität, Theorie. Beim Familienstellen geschehen oft so Unfassbares. Das verschreckt manchen: Auf was lasse ich mich da ein?

Schon auf die eigene Familie sich einzulassen, mag manchem zuviel sein, wenn er doch nur eine Lösung für dieses oder jenes Problem sucht. Da scheint es manchem Aufsteller vielleicht taktisch ratsam, sich hinter einem neutraler wirkenden Wort zu verstecken, um solche Klienten nicht gleich zu verprellen.

Zum anderen lässt sich mit Aufstellungen auch für andere Systeme als Familien arbeiten, vor allem für Organisationen. Dort ist es sinnvoll, Familie als Privatangelegenheit außen vor zu lassen und stattdessen allgemeiner (und geschäftsmäßiger) von Systemen zu sprechen. So gesehen erscheint der Begriff Familienstellen enger gefasst, der Begriff Systemaufstellungen umfassender.

Nun zeigt das obige Beispiel jedoch, daß in einer Aufstellung etwas zur Lösung drängen kann, für das der Begriff „systemisch“ wieder viel zu eng ist. Jenes tote Kind gehörte nicht zum System der Klientin – und doch war eine Beziehung entstanden, die in andere Bereiche ihres Lebens massiv hinein wirkte. Und diese Wirkung zeigte sich einmal in einer klassischen Familienaufstellung, nämlich in der des Mannes, und zweitens in der Aufstellung eines geschäftlichen Anliegens, nämlich in der Aufstellung der Frau.

Als Aufstellungsleiter habe ich natürlich die Möglichkeit, eine Aufstellung so zu steuern, daß ich alles, was nicht eindeutig zur Geschäftsbeziehung Verkäufer-Käufer gehört, auch nicht beachte. Dann bleibt es eine systemische Aufstellung für dieses geschäftliche Beziehungssystem. Das ist jedoch nur möglich, weil ich anderes bewusst ausblende. Was vorher als eine Erweiterung des Horizontes erschien, über das System Familie hinaus, erweist sich nun selbst wieder als Einschränkung.

Wenn ich hingegen in einer Aufstellung allem Raum gebe, was sich zeigen will und was in der Aufstellung wirkt, dann kann die Aufstellung leicht eine Qualität bekommen, die streng genommen weder Familien- noch Systemaufstellung ist. Es geht darüber hinaus.
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